Palermo, Dienstag 31. März 2020



Liebe Freunde,

Die letzte Woche war urfad. Es schiffte in Einem durch. Die ganze Stadt war überschwemmt, das war jedem wurscht. Zu normalen Zeiten fahren sie dann mit ihren Rostkübeln trotzdem mitten in die innerstädtischen Überschwemmungsgebiete. Das Wasser rinnt somit in den lecken Auspuff – so was wie ein Pickerl gibt es hier nicht, man reitet das Auto bis zum Schluss – und das Auto verreckt natürlich in den Wassermassen. Dann geht gar nichts mehr weiter und alle schimpfen auf den Bürgermeister, der könnte doch endlich mal die Kanalisation reparieren und der schimpft auf den vorigen Bürgermeister, das hätte der ja machen sollen. Aber jetzt gab es nur ein niedliches Youtube-Video, wie ein Hundewelpe durch die Altstadt schwimmt, und der Bürgermeister bedankte sich bei den Bürgern, dass sie alle so brav zu Hause blieben.

Auch ich blieb zu Hause. Zum Metzger darf ich nicht mehr, nachdem meine Frau meiner Schwiegermutter meinen Blog übersetzte und heraus kam, dass unsere Mortadella wahrscheinlich coronaverseucht ist. Sie landete im Biomüll. Mein Weg führte mich die Woche vom Kinderzimmer meiner Schwägerin zur Terrasse, von der Terrasse in die Küche, von dort ins Wohnzimmer, dann wieder zurück in mein Kinderzimmer-Homeoffice und dann wieder auf die Terrasse zum Rauchen. Da ist es jetzt still. Den Palermitaner ist die Balkonsingerei auch irgendwann zu deppert geworden und sie widmen sich anscheinend lieber der häuslichen Gewalt. Das ist sogar den Hunden zu viel und die sitzen jetzt alle auf den Balkonen und schauen unmotiviert durch die Gegend. So bin ich zu meinem neuen Hobby gekommen. Das hat mir mein guter Freund Jimmy vor vielen Jahren beigebracht: Wenn man bellt, dann bellen auch die Hunde. Ist irgendein komisches Imprinting bei denen. Ich mach das einmal am Morgen nach dem Frühstück und dann am Nachmittag irgendwann zwischen Kaffee und Aperitif. Ich bin da schon richtig gut geworden und feile täglich an meiner perfekten Bellstimme. Man darf nicht zu hoch bellen, auch nicht zu tief, das Bellen muss sympathisch klingen, aber doch bestimmt, nicht aggressiv, sondern einfach zum Mitbellen animieren. Das tun die ganzen Hunde auf den Balkonen dann auch leidenschaftlich. Meist muss man nur einmal richtig animieren und dann geht es eh automatisch weiter, meist finden sich genug Hunde, die dann mit ihrem Bellen auch noch weitere Balkone anstecken. Wenn es droht abzuflachen, kann man einfach nochmals hinein bellen. Man kann auch Variieren, also so tun, als wäre man selber eigentlich mehr als nur ein Hund. Dann vielleicht doch mal kurz hoch bellen. Auch gut kommt für zwischendurch so eine Art knurrendes Bellen, das macht aber total heiser, das schaff ich meistens nur, wenn ich schon beim Aperitif bin.

Dafür ist es schön zu beobachten, dass sich die Sizilianer wieder ihrer Traditionen und lokalen Werte besinnen. Das soll ja auch bei uns so sein, wie ich höre, man häkelt Topflappen, isst die Eier aus dem eigenen Dorf und wird selber Erntehelfer. Hier wendet man sich einer verloren gegangen Kulturtechnik zu, dem so genannten Banditismus. Über Jahrhunderte waren hier ganze Dörfer in diesem Berufszweig tätig und da dachten ein paar gelangweilte Palermitaner, das könnte man ja einfach wieder mal aufleben lassen. Technologisch hochgerüstet planten sie ein Banditentum 4.0 und gründeten eine WhatsApp-Gruppe. Die Idee war ganz einfach: Man macht sich einen Supermarkt aus, vermummt ist man eh schon, dann stürmt man gemeinsam hinein, holt das Geld aus den Kassen, nimmt noch ein paar Schokoriegel und Kaugummis mit, keiner rangelt, weil sie ja alle den Sicherheitsabstand von einem Meter einhalten müssen und man geht wieder unerkannt hinaus. Die Idee war so genial, dass sie die Idee auf What’s App weiter teilten und wahrscheinlich auch mit irgendeinem, der nichts vom lokalen Kulturerbe verstand und die Carabinieri kontaktierte. Die Carabinieri fanden das eine super Möglichkeit zu zeigen, dass sie trotz Coronavirus voll einsatzfähig sind und verständigten die Medien. Die Medien berichteten groß darüber, und die Palermitaner fanden, da wär jetzt endlich mal was los, das Wasser in den Strassen war eh gesunken, und fuhren alle hin. Außer einem Stau passierte dann nichts, denn der Zeitpunkt war schlecht gewählt: der Papst hatte in seiner Sündenerlass-Fixierung ja noch einen drauf gelegt und am Tag zuvor einen Generalablass für alle vor den Fernsehgeräten oder über sonstige neue Geräte zugeschalteten Gläubigen verfügt.

Es tut halt jeder sein Ding. ‚Do your Thing’, super Song von Moondog:



Aloha,

Jürgen Weishäupl




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